Dental Tribune Switzerland

Kooperation in Europa wohl einzigartig

von Johannes Eschmann, Dental Tribune
February 04, 2010

BERN/SÖRENBERG – Drei Lehrstühle wurden vergangenes Jahr an der ZMK der Universität Bern neu besetzt und die Fachbereiche zum Teil neu organisiert. Doch nicht nur in Personal wurde investiert, sondern auch in Umbauten. Damit wurden die Grundlagen für eine Neuausrichtung der ZMK in Forschung, Lehre und Patientenbehandlungen geschaffen.

Am Rande des 12. Entlebucher Fortbildungskurses in Sörenberg sprachen wir mit dem geschäftsführenden Direktor der ZMK Bern, Prof. Dr. Daniel Buser und Prof. Dr. Anton Sculean, der seit dem 1. Dezember 2008 die Klinik für Parodontologie leitet. Dental Tribune wollte wissen, wo stehen die „Berner“ heute und welche Zukunftsstrategie verfolgen sie damit?

Johannes Eschmann: Herr Prof. Buser, die vergangenen Monate mit personellen, organisatorischen, baulichen und strategischen Änderungen sowie Ihre klinische Tätigkeit und Lehre erfordern ein riesen Arbeitspensum. Wie schaffen Sie das?
Prof. Daniel Buser: Das Pensum ist in der Tat öfters am Limit, da ich eine Mehrfachfunktion als Klinikdirektor, Direktor der ZMK und aktiver Oralchirurg ausübe. In all diesen Funktionen kann ich aber auf ein enorm leistungsfähiges Team zurückgreifen, welches mich optimal unterstützt. Die vergangenen Monate waren nicht nur sehr aufwendig und mit viel Arbeit verbunden, sie haben mir aber auch viel Befriedigung eingebracht, weil wir unsere strategischen Ziele bis heute alle erreicht haben. Jetzt sollte ich etwas entlastet werden, weil Prof. Adrian Lussi als Vizedirektor der ZMK diverse Projekte betreuen wird.

Herr Prof. Sculean, nach einer steilen wissenschaftlichen Karriere mit Stationen an den Universitäten Budapest, Münster, Aarhus, Homburg/Saar, Mainz und Nijmegen leiten Sie seit neun Monaten die grösste Klinik für Parodontologie der Schweiz. Wie fühlen Sie sich in Ihrem neuen beruflichen Umfeld?
Prof. Anton Sculean: Ich bin sehr glücklich darüber, an den ZMK Bern die Klinik für Parodontologie zu leiten. Durch die neu geschaffenen Strukturen im Bereich der Forschung und Patientenbehandlung hat man Möglichkeiten, die europaweit einzigartig sind. So wurde eine neue Forschungsetage mit vier biologisch orientierten Labors ins Leben gerufen, die unsere klinisch orientierten Forschungsprojekte optimal unterstützen können. Zudem bietet auch die enge klinische Zusammenarbeit mit der Klinik für Oralchirurgie viele Synergien, die genutzt werden können. Die beiden Kliniken ergänzen sich hervoragend und pflegen eine ausgezeichnete Zusammenarbeit.

Prof. Sculean, Ihnen geht der Ruf voraus, ein klinisch tätiger Chef zu sein. Bleibt Ihnen auch in Bern genügend Zeit, Patienten zu behandeln und zu operieren?
AS: Die klinische Tätigkeit ist mir sehr wichtig. Ich plane rund 30 bis 40 Prozent meiner Aktivität in die Behandlung von Patienten, d. h. in die Klinik zu investieren.

Prof. Sculean, wo liegen Ihre wissenschaftlichen und klinischen Schwerpunkte und wo steht Ihre Klinik in fünf Jahren?
AS: Meine wissenschaftlichen und klinischen Schwerpunkte sind die regenerativen Techniken bei Parodontaldefekten sowie die ästhetische Weichteilchirurgie bei Gingivarezessionen. Es scheint mir, dass diese Techniken an der parodontologischen Klinik in Bern bis dato eher zu kurz gekommen sind. Um diese Operationen unter optimalen Bedingungen durchführen zu können, benutzen wir seit diesem Jahr den topmodern ausgerüsteten Operationstrakt der Oralchirurgie. Dies ist ein weiteres Beispiel für die tolle Zusammenarbeit. Daneben bauen wir auch unsere Aktivitäten im Bereich der periimplantären Infektion aus, indem wir unter der Leitung von PD Dr. Giovanni Salvi ab Oktober eine Periimplantitis-Sprechstunde anbieten. Mein Ziel ist es, dass wir in fünf Jahren in beiden Bereichen zur internationalen Spitzenklasse gehören.

Parodontologie und Oralchirurgie überschneiden sich. Prof. Buser, wie gross ist Ihrer Erfahrung nach die „Schnittmenge“ und in welcher Phase der Behandlung ist eine Zusammenarbeit der beiden Disziplinen für den Erfolg besonders wichtig?
DB: Die beiden Fachgebiete haben sich in den letzten Jahren immer mehr aufeinander zubewegt, vor allem natürlich wegen der Implantologie und wegen der Stomatologie. Die Schnittmenge liegt in beiden Fachgebieten etwa bei 50 Prozent.

Wenn die „Schnittmenge“ derart gross ist, bietet sich eine Zusammenarbeit in Forschung, Lehre und Klinik geradezu an. Gibt es Pläne, die Ressourcen der beiden Kliniken für Oralchirurgie und Parodontologie in Klinik, Forschung und in der Lehre zu institutionalisieren? Gibt es Vorbilder oder wäre die ZMK Bern hier Pionier?
DB und AS
: Das Berner Modell mit einer engen Kooperation zwischen Oralchirurgie und Parodontologie ist in Europa wohl einzigartig und weist viele Vorteile auf. Die beiden Kliniken
teilen sich nicht nur den Operationstrakt, sondern auch Forschungslabors. Es gibt bereits heute eine grosse Zahl gemeinsamer Forschungsprojekte. Wir stellen zum Beispiel im Herbst gemeinsam einen PhD-Studenten aus Kanada ein. Zudem werden wir ab Herbst ein gemeinsames Weiterbildungsseminar in Implantologie beginnen, zusammen mit der Kronen-Brücken-Prothetik.

Welche Vorteile hätte diese Zusammenarbeit für die Ausbildung der jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte?
DB und AS
: Im Bereich der Studentenausbildung wird die Kooperation keine direkten Auswirkungen haben, nur im Bereich der Weiterbildung.

In Sörenberg getroffen: Prof. Dr. Daniel Buser (links) und Prof. Dr. Anton Sculean zur wegweisenden Zusammenarbeit der Kliniken für Oralchirurgie und Parodontologie der ZMK Bern. (Foto: J. Eschmann)Grundlagenforschung wird für die Zahnmedizin immer wichtiger. Die Forschung im Labor soll stark ausgebaut werden. Welche Gebiete stehen im Fokus? Gibt es eine Zusammenarbeit mit der „Insel“, und was dürfen Zahnärzte und Patienten in Zukunft aus Bern erwarten?
DB und AS
: Die ZMK Bern haben eine gute Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe des Inselspitals, speziell dem DKF (Department für klinische Forschung) und den Kiefer- und Gesichtschirurgen.

Die ZMK Bern hat international einen hervorragenden Ruf. Wo sehen Sie noch Potenzial und was ist das Ziel?
DB
: Wir haben den Forschungsoutput in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gesteigert. Wir sind aktuell bei rund 60 Originalarbeiten und bei knapp über 100 Impact Factor Punkten pro Jahr. Wir sind überzeugt, dass mit der engen, interdisziplinären Kooperation Synergien erzeugt werden, die sich positiv auf diesen Output auswirken werden. In drei bis fünf Jahren sollte das bei den Jahresanalysen erkennbar sein.

Wissenschaftliche Erfolge sind ohne eine gesunde wirtschaftliche Basis nicht möglich. Wie finanzieren die ZMK die ambitiösen Ziele?
DB
: Die laborgebundene Forschung an den ZMK Bern kostet aktuell etwa 2 Mio. CHF an Löhnen. Knapp 50 Prozent werden durch den Stellenetat der Universität Bern finanziert, der Rest muss über Drittmittel generiert werden. Drittmitteleinwerbung ist demnach ein Muss, was nur mit qualitativ hochwertigen Studienprotokollen möglich ist. Die ZMK Bern haben in den letzten fünf Jahren pro Jahr durchschnittlich mehr als 1,5 Mio. CHF an Drittmitteln eingeworben. Dies gilt es zu steigern, wollen wir unsere Forschung ausbauen.

Der Ruf einer Klinik hängt auch davon ab, wie viele Zahnärzte aus dem In- und Ausland zur Weiterbildung und Masterkursen nach Bern kommen. Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus, und warum soll ein Zahnarzt aus Asien oder Südamerika lieber nach Bern kommen, anstatt eine amerikanische oder deutsche Universität zu besuchen?
DB und AS
: Beim Zahnmedizinstudium bestehen nicht viele Möglichkeiten, nicht zuletzt wegen der Sprache. Im post-doc Bereichen wollen wir das Angebot deutlich verbessern. Einerseits für klinische Post-docs, für welche wir Programme im Bereich „Master of Advanced Dental Studies“ anbieten. Im Bereich der Forschung werden das PhD- Programme sein.

Prof. Buser, wenn Sie die ZMK als „Marke“ positionieren, mit welchem Slogan würden Sie die Leistung beschreiben?
DB
: Die ZMK Bern positionieren sich allgemein als „Kompetenzzentrum für Lehre, Forschung und Spezialbehandlung“. Lehre und Forschung sind die akademischen Aufgaben, während die Spezialbehandlungen eine Ergänzung zur Grundversorgung sind, welche in der Privatpraxis angeboten wird. Im Bereich dieser Spezialbehandlung werden die ZMK Bern für den Tag der offenen Tür (24. Oktober 2009) neu auch als „Zentrum für Spitzenzahnmedizin“ positioniert, weil das Zentrum den grossen Vorteil hat, dass alle Disziplinen der Zahnmedizin an den ZMK unter einem Dach angeboten werden. Die Behandlungskonzepte basieren auf den neuesten Erkentnissen der Forschung und können mit der modernsten Infrastruktur angeboten werden. Wichtig ist auch der Aspekt, dass diese Behandlungen in enger Kooperation mit zuweisenden Privatpraktikern erfolgen.

Prof. Buser, Prof. Sculean, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

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