Bern – Eine im Kanton Bern durchgeführte Querschnittstudie von Borg-Bartolo et al. liefert aktuelle Einblicke in den oralen Gesundheitszustand von Erwachsenen ab 45 Jahren. Insgesamt wurden 275 Personen untersucht, wobei neben klinischen Parametern wie Karies nach ICDAS, dem Parodontalstatus mittels PSI, dem Approximal-Plaque-Index sowie dem Zahnersatzstatus auch Angaben zum allgemeinen Gesundheitszustand, zu Lebensstilfaktoren und zur Mundhygiene erhoben wurden
Die Selbstauskünfte der Studienteilnehmenden zeichnen zunächst ein positives Bild: 86 gaben an, ihre Zähne mindestens zweimal täglich zu putzen, und knapp 80 Prozent nahmen nach eigenen Angaben regelmäßig zahnärztliche Kontrolluntersuchungen wahr. Die klinischen Befunde relativierten diese Einschätzung jedoch. So weist rund ein Drittel der Untersuchten einen Approximal-Plaque-Index von über 50 Prozent auf. Dieser Grund bestätigt die bekannte Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiv messbarer Plaquekontrolle und unterstreicht die Bedeutung einer gezielten Anleitung und Kontrolle der Interdentalhygiene, insbesondere bei älteren Patienten. Prädiktoren oraler Erkrankungen Ein zentrales Ergebnis der Studie ist der deutliche Zusammenhang zwischen steigendem Lebensalter und dem Auftreten aktiver Karies sowie parodontaler Erkrankungen. Personen ab 65 Jahren zeigen ein signifikant erhöhtes Risiko für fortgeschrittene Kariesläsionen (ICDAS 4–6) und pathologische PSI-Befunde (PSI 3–4). Dieses erhöhte Risikoniveau blieb auch in der Altersgruppe über 75 Jahre bestehen. Als weiterer wichtiger Prädiktor erwies sich die Gingivalblutung, die als klinisches Warnsignal mit einem mehr als dreifach erhöhten Risiko für Karies oder Parodontitis assoziiert war. Für die zahnärztliche Praxis ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Prävention im höheren Lebensalter muss konsequent, strukturiert und individuell erfolgen. Ein engmaschiges Recall-System, regelmäßige professionelle Zahnreinigungen, eine gezielte Schulung der Interdentalpflege sowie die zukünftige Erkennung von Blutungszeichen sind dabei zentrale Elemente. Die Studie macht deutlich, dass gute Mundhygieneangaben allein keinen zuverlässigen Schutz vor oralen Erkrankungen bieten. Entscheidend sind vor allem objektive klinische Finanzierung, kontinuierliche Betreuung und patientenangepasste Präventionskonzepte. Gesundheitspolitische Herausforderungen Über die individuelle Versorgung hinaus verdeutlichen die Ergebnisse auch die Notwendigkeit übergeordneter gesundheitspolitischer Maßnahmen. Um die Mundgesundheit und die Lebensqualität älterer Menschen nachhaltig zu verbessern, bedarf es ganzheitlicher Strategien der öffentlichen Gesundheit, der strukturellen und gesellschaftlichen Reformen. Dazu zählen der Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten, eine verbesserte Finanzierung der Gesundheitssysteme sowie die stärkere Integration der Mundgesundheit in Konzepte zur Prävention und Versorgung nicht übertragbarer Erkrankungen. Dies ist nicht nur ein Beitrag zur oralen Gesundheit, sondern auch zur Würde und zum Wohlbefinden einer zunehmend alternden Bevölkerung.
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