Bern – Die medizinische Grundversorgung in der Schweiz gerät zunehmend unter Druck. Steigende Nachfrage, der Fachkräftemangel und große regionale Unterschiede erschweren schon heute den Zugang zu Hausärzten, Psychotherapeuten oder Pflegeangeboten.
Steigender Bedarf und wachsender Personalmangel
An den Trendtagen Gesundheit 2026 zeigte Bundesamt für Gesundheit(BAG)-Direktorin Anne Lévy auf, wie der Bund darauf reagieren will. Im Zentrum steht die «Agenda Grundversorgung», die Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider Ende 2024 lanciert hat.Lévy formulierte die Leitfrage klar: «Wie stellen wir eine gute, medizinische Grundversorgung für alle Menschen in allen Regionen der Schweiz sicher?» Die Ausgangslage sei anspruchsvoll. Das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung nehme zu, ebenso das Bedürfnis nach raschem Zugang zu professioneller Hilfe. Gleichzeitig altert die Bevölkerung stark. In 30 Jahren dürfte sich die Zahl der über 80-Jährigen im Vergleich zu heute verdoppeln. Rund eine Million Menschen könnten dann auf medizinische Betreuung angewiesen sein. Parallel dazu verschärft sich der Personalmangel. In den kommenden Jahren gehen viele Haus- und Kinderärzte, Psychiater, Psychotherapeuten und Pflegefachpersonen in Pension. Jüngere Fachkräfte arbeiteten zudem häufig bewusst in kleineren Pensen. Besonders gravierend ist die Lage in ländlichen Regionen: Dort sind laut Lévy inzwischen nur noch halb so viele Grundversorger tätig wie in städtischen Gebieten.
Neue Rollen und engere Zusammenarbeit
Die «Agenda Grundversorgung» setzt deshalb auf zwei Hebel. Zum einen soll die Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden, mit neuen Rollen, angepassten Kompetenzen und innovativen Versorgungsmodellen. Zum anderen sollen die Berufe in der Grundversorgung attraktiver werden. Ein Schwerpunkt liegt auf der engeren Zusammenarbeit innerhalb von Praxen, Pflegeheimen und der Spitex. Lévy nannte als Beispiel eine Berner Praxis, in der sich ein Arzt und eine Praxiskoordinatorin die Betreuung von Diabetespatienten teilen. Die Koordinatorin übernimmt dabei einen großen Teil des Programms, während der Arzt bei Verschlechterungen oder Medikamentenanpassungen zuständig bleibt. «Selbstverständlich bei gleich guter Qualität», betonte Lévy. Auch Pflegeexpertinnen, sogenannte Advanced Practice Nurses, sollen künftig mehr Verantwortung übernehmen. Der Bund prüft derzeit, ob bestimmte Leistungen dieser Berufsgruppe über die Krankenkassen abgerechnet werden können. Damit könnten komplexe Pflegesituationen besser begleitet und andere Berufsgruppen entlastet werden.
Breitere Zuständigkeiten und digitale Unterstützung
Darüber hinaus will das BAG die Aufgaben auch im Gesundheitssystem insgesamt neu verteilen. Nicht jede Erstberatung bei leichten Beschwerden müsse zwingend durch eine Ärztin erfolgen. In Kriens etwa organisiert die Spitex den schulärztlichen Gesundheitscheck, den eine Pflegefachfrau mit Zusatzausbildung im Auftrag einer Ärztin durchführt. Auch Apotheken, Hebammen, Gesundheitsligen oder Sozialberatungsstellen könnten künftig stärker eingebunden werden. Flankiert werden soll der Umbau durch digitale Lösungen, etwa den Neustart des elektronischen Patientendossiers und das Programm DigiSanté. Für Lévy ist klar: «Die Stärkung der Grundversorgung schaffen wir nur gemeinsam.» Die Grundversorgung der Zukunft kann nur gesichert werden, wenn Berufsgrenzen neu gedacht und Verantwortung breiter
verteilt wird.
Quelle: Bundesamt für Gesundheit
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