Jerusalem – Die ersten Monate nach der Geburt gelten für das Immunsystem als Phase der Orientierung. Der Körper lernt, zwischen harmlosen Mikroorganismen und tatsächlichen Bedrohungen zu unterscheiden, während sich zugleich natürliche Barrieren und Schleimhäute entwickeln. Genau diese frühe Anpassungsphase haben Forschende nun genauer untersucht und dabei Hinweise darauf gefunden, dass mütterliche Antikörper das orale Immunsystem weit über die Neugeborenenzeit hinaus beeinflussen könnten.
Die in Nature Communications veröffentlichte Arbeit unter Leitung von Prof. Avi-Hai Hovav und Reem Naamneh aus der Fakultät für Zahnmedizin beschäftigt sich mit der Frage, wie Antikörper der Mutter die Entwicklung der oralen Immunabwehr prägen.1 Im Mittelpunkt standen dabei zwei Übertragungswege: Antikörper, die bereits während der Schwangerschaft über die Plazenta weitergegeben werden, sowie Antikörper aus der Muttermilch.
Nach Angaben der Autoren übernehmen beide Systeme unterschiedliche Aufgaben. Die während der Schwangerschaft übertragenen IgG-Antikörper erreichten im Tiermodell die Speicheldrüsen der Neugeborenen und wurden anschließend über den Speichel abgegeben. Dort beeinflussten sie offenbar die frühe Immunregulation in der Mundhöhle. Die Antikörper halfen dem Immunsystem dabei, auf gewöhnliche orale Mikroorganismen kontrolliert zu reagieren, ohne überschießende Entzündungsprozesse auszulösen.
Fehlten diese pränatal übertragenen Antikörper, zeigten die Nachkommen eine erhöhte bakterielle Belastung in Speicheldrüsen und Gingiva sowie hyperaktive Immunzellen. Im weiteren Verlauf entwickelte sich im Erwachsenenalter eine erhöhte Anfälligkeit für parodontale Entzündungen und alveolären Knochenverlust. Parallel untersuchte das Team die Funktion der Antikörper aus der Muttermilch. Diese waren nach den Daten weniger für die langfristige Immunsteuerung verantwortlich, sondern vielmehr für die Entwicklung der oralen Barrierefunktion. Die Forschenden beschreiben, dass die Antikörper die Reifung des oralen Epithels und den Zeitpunkt der sogenannten „barrier sealing“-Prozesse mitsteuern. Wurden diese Mechanismen gestört oder durch Antibiotika beeinflusst, verschlechterte sich die Stabilität der epithelialen Schutzbarriere. Darüber hinaus identifizierten die Forschenden bestimmte orale Pathobionten, an die maternale IgG-Antikörper gezielt banden. Dazu gehörten Vertreter der Pasteurellaceae-Familie, die mit aggressiven parodontalen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.
1 Reem Naamneh et al, Maternal antibodies regulate the establishment of murine oral and salivary mucosal immunity, Nature Communications (2026). DOI: 10.1038/s41467-026-71704-5
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