Ungleichbehandlung in der Gesundheitsversorgung

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Ungleichbehandlung in der Gesundheitsversorgung: Benachteiligung von Frauen

Ein Bericht des IZFG der Universität Bern zeigt Benachteiligungen von Frauen in der Schweizer Gesundheitsversorgung und fordert geschlechtergerechte Verbesserungen. (Bild: bluedesign – stock.adobe.com)
Universität Bern

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Mo. 1 Juli 2024

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Bern – Ein Forschungsbericht der Universität Bern zeigt eine Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in der Gesundheitsversorgung in der Schweiz auf. Der Bericht wurde als wissenschaftliche Grundlage für den bundesrätlichen Bericht in Antwort auf ein Postulat erarbeitet. Dieses fordert eine bessere Berücksichtigung der Eigenheiten von Frauen im Gesundheitsbereich ein.

Der Forschungsbericht des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern wurde als wissenschaftliche Grundlage für den Postulatsbericht des Bundesrats «Gesundheit der Frauen. Bessere Berücksichtigung ihrer Eigenheiten» erarbeitet, der in Antwort auf ein Postulat von Nationalrätin Laurence Fehlmann Rielle erstellt wurde. Fehlmann Rielle fordert darin eine bessere Berücksichtigung der Eigenheiten von Frauen im Gesundheitsbereich ein. Der Forschungsbericht wurde vom IZFG unter Mitarbeit des Departements Gesundheit der Berner Fachhochschule im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit 2023 erarbeitet und heute veröffentlicht.

«Wir haben in allen untersuchten Bereichen Benachteiligungen von Frauen festgestellt», sagt Co-Autorin Christine Bigler vom IZFG. Dies treffe auf die Forschung, Medikamentenentwicklung und Behandlung, die Erkennung und Diagnostik, die Prävention, die Rehabilitation und Langzeitversorgung, die Bildung sowie auf die Arbeitswelt Gesundheitswesen zu.

Defizite in Forschung, Behandlung und Prävention

Für den Forschungsbericht wurden basierend auf einer umfangreichen Literaturrecherche und Interviews mit 15 Fachpersonen die sechs oben genannten Hauptproblembereiche hinsichtlich der Gesundheitsversorgung von Frauen in der Schweiz identifiziert. Zu diesen Bereichen wurden in einem zweiten Schritt in je einem Workshop mit insgesamt über 60 relevanten Stakeholderinnen und Stakeholdern Vorschläge für die dringlichsten Massnahmen erarbeitet. Das Forschungsteam wurde während des gesamten Prozesses von einer Begleitgruppe des Bundes sowie von forschungsteaminternen Expertinnen aus dem Bereich Gender/Health begleitet.

«In der medizinischen Forschung sind Frauen immer noch systematisch untervertreten», stellt Co-Autorin Michèle Amacker vom IZFG fest. Das führe in der Praxis beispielsweise zu ungeeigneten Dosierungen und somit zu mehr Nebenwirkungen für Frauen bei Chemotherapien. Frauen erhielten auch quantitativ weniger sowie weniger geeignete und weniger invasive Behandlungen als Männer, was unter anderem zu schlechteren Prognosen als bei Männern führe. Die Untersuchung ergibt zudem, dass bei frauenspezifischen Krankheiten häufig limitierte Therapiemöglichkeiten existieren, und es auch in der Nachsorge Defizite gibt: Frauen werden seltener zu einer Rehabilitation überwiesen, nehmen diese seltener in Anspruch oder brechen sie häufiger ab.

Auch diagnostische Verfahren sind stärker auf Männer ausgerichtet, wie der Bericht aufzeigt. Das ist zum Beispiel bei demenziellen Erkrankungen der Fall, obwohl Frauen deutlich häufiger von ihnen betroffen sind als Männer. «Zusammen mit der unterentwickelten Diagnostik bei gewissen frauenspezifischen Erkrankungen wie der Endometriose führt dies bei Frauen oftmals zu verspäteten oder ausbleibenden Diagnosen», führt Bigler aus.

Handlungsbedarf auch in der Ausbildung und in der Frauenförderung im Gesundheitswesen

Zentral für eine Verbesserung der Situation seien laut den Autorinnen des Forschungsberichts auch Maßnahmen in den Ausbildungen und strukturelle Maßnahmen im Gesundheitsbereich. Erkenntnisse aus der Gendermedizin fänden bisher erst punktuell Eingang in die relevanten Berufs- und Weiterbildungen. Auch die Überrepräsentation von Männern in vielen Fachbereichen und auf höheren Hierarchiestufen trage nachweislich dazu bei, dass weibliche Patientinnen in der Gesundheitsversorgung benachteiligt würden.

Der Bericht empfiehlt, Geschlecht als integralen Bestandteil aller Gesundheitsbereiche zu etablieren, gerade auch im Bereich der aktuellen Entwicklungen hin zu einer personalisierten Medizin. Dazu benötigt es auch mehr spezialisiertes Wissens aus dem Fachbereich der Gendermedizin. Die seit 2020 von der Universität Bern und der Universität Zürich gemeinsam angebotene Weiterbildung zu geschlechtsspezifischer Medizin, die kürzlich etablierte Gender Medicine-Professur an der Universität Zürich, die Etablierung der Unité Santé et Genre an der Universität Lausanne sowie das kürzlich vom SNF lancierte Nationale Forschungsprogramm 83 zu «Gender Medicine and Health» stellen hier wichtige Schritte dar, so Amacker.

Weiter betont Bigler die grosse Relevanz des sozialen Geschlechts für die Frauengesundheit. Dazu gehören etwa soziale Rollen und Geschlechterstereotype, welche unter anderem bewirken, dass Patientinnen und Ärztinnen sich anders verhalten als ihre männlichen Pendants. Diesem sozialen Geschlecht sei als Einflussfaktor auf die Gesundheit bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. «Ohne systematische Berücksichtigung dieser Unterschiede bleibt eine Gleichstellung von Männern und Frauen im Schweizer Gesundheitssystem jedoch unerreichbar», fasst Co-Autorin Tina Büchler zusammen. Deshalb sei für Geschlechtergerechtigkeit im Schweizer Gesundheitswesen ein interdisziplinärer Ansatz unter Berücksichtigung sozialwissenschaftlicher und psychologischer Zugänge unerlässlich. «Wichtig ist auch, dass Maßnahmen – etwa in der Prävention – auf die Überwindung hinderlicher Stereotypen zielen», so Büchler.

«Eine geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung kommt allen Geschlechtern zugute», betont Amacker, also auch Männern und Personen anderer Geschlechter und Geschlechtsidentitäten, wie zum Beispiel Transpersonen. Dazu brauche es ein fundamentales Umdenken im gesamten Gesundheitsbereich, welcher immer noch stark in einem binären und heterozentrierten Geschlechterkonzept verhaftet sei.

Quelle: Universität Bern

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